Xian

Die erste Reise: zum Eingewöhnen

Das erst Mal China für mich. Da kann ich unmöglich mit dem Buch in der Nase anfangen! Also wird am Anfang eine Reise durch die Provinzen Hebei, Shanxi, Shaanxi, außerdem nach Shanghai und Hangzhou stehen. Also packen wir, Mareike, Raimund, Volker und ich, unsere sieben Sachen und werfen uns ins Abenteuer.

Unser Chinesisch im Test

Der erste Tag in Beijing. Glücklicherweise werden wir vom Flughafen abgeholt. Denn ich verstehe kein Wort von dem was die Chinesen hier zusammennuscheln! Im Bus können wir uns kaum verständigen, geschweige denn herausfinden wie man am besten zur Stadtmitte kommt. Eigentlich hatten wir uns das anders vorgestellt nach unserem einjährigen Intensiv-Sprachkurs an der Heidelberger Uni. Doch gegen den starken Beijing-Dialekt der „Fuwuyuanrr“ im Bus hatten wir keine Chance. Erst nach einigen Tagen gewöhnte sich das Ohr so langsam an die neue Situation. Außerdem schienen wir da im Bus an eine der stärksten Dialektsprecherinnen geraten zu sein!

Zugerlebnisse

Nächste Hürde: Fahrkarten kaufen. Der Fahrkartenverkäufer am Schalter hat leider nicht die geringste Motivation, uns etwas zu verkaufen. Doch als wir uns das Geschick der anderen Kunden anschauen, scheint unser Unvermögen keineswegs an unseren Sprachkünsten zu liegen, sondern eher daran, dass der Verkäufer sich schon auf seinen Feierabend eingestellt hat. Die erst Lektion gibt es also gleich am ersten Tag: In China kommt man nur weiter, wenn man lange genug auf seinem Recht beharrt. Nach einer guten halben Stunde hatten wir also die Zugfahrkarten in den Händen. Mit dem Taxi zum Bahnhof, da haben wir ja noch ewig Zeit zum Essen. Stau nicht eingeplant, und mussten wir nach einer uns ewig erscheinenden nervösen Taxifahrt mitsamt unseren steinschweren Rucksäcken erst durch die Gepäckkontrolle, und dann zu den Gleisen rennen – nur um den Zug davonfahren zu sehen. So was blödes. Fahrkarten sind umsonst gekauft, also schmeißt Raimund seine gleich mal weg. Tja, hätte er besser nicht, denn wie wir Ausländer da so hilflos herumstehen, werden wir von einer tatkräftigen Fuwuyuan gepackt, die extra für Ausländer befugt ist, deren Karten umzutauschen. Ein Chinese neben uns geht leer aus, da fühlen wir uns etwas komisch, so privilegiert, aber immerhin auch nicht mehr ganz so verloren. Aber zu früh gefreut, wir bekommen Stehplätze für die 8-stündige Fahrt über Nacht. Für uns jetzt noch eine erschreckende Vorstellung, jedoch wird diese Art zu fahren nach einiger Reiseerfahrung bald in den Normalfall übergehen.

Datong

Durch die Zugänderung kommen wir um 2 Uhr nachts in Datong an. Trotzdem erwarten uns am Bahnhof Hunderte von Chinesen, die die Touristen in ihre Hotels locken wollen. Wir haben allerdings schon eine Adresse und machen uns zu Fuß auf den Weg. Die Taxifahrer können es kaum glauben, dass wir die paar Schritte laufen wollen! Daher fährt dann eine ganze Kolonne Taxis und Mopeds im Schritttempo hupend und winkend neben uns her. Schon sind wir die Attraktion. Am Hotel angekommen, macht uns um die Zeit jedoch keiner auf. Wir klopfen mal vorsichtig. Und tatsächlich, da kommt so ein Kerl in Schlafanzug angeschlappt, sieht erstaunt uns Ausländer an, ruft kurz hinein, und nach kurzer Zeit kommen zwei Fuwuyuan herbeigeeilt, die gerade ihre Uniform über den Pyjama geworfen haben und begierig die ausländischen Gäste in Empfang nehmen. An unserem ersten Tag in Datong bekommen wir einen großen Schrecken. Denn als ersten Besichtigungspunkt sind wir hier in die vielleicht versmoggteste Stadt Chinas geraten. In der Umgebung wird sehr viel Kohle abgebaut und man sieht überall voll beladene Lastwagen, Eselskarren oder einfach Leute, die ein großes Kohlestück selber schultern. In der Stadt liegt die Sichtweite unter 200 Metern. Trotzdem lässt sich der Taxifahrer nicht davon abhalten, uns auf der falschen Straßenseite wie ein Wilder zu unserem Ziel zu rasen, und dabei sämtlichen "Gegenverkehr" auszuhupen. Kaum zu glauben, doch es hat funktioniert. Die Sehenswürdigkeiten um Datong sind es auf jeden Fall wert, gesehen zu werden. In den Buddhahöhlen sind tausende Buddhas in den Stein geschlagen, von ganz kleinen bis zu über 10 Meter hohen. Auch das hängende Kloster ist umwerfend. Es scheint fast einfach so an dem Berg zu kleben. Kunstvoll gestaltete grässliche Steinmonster sollen alles Böse abwehren und die goldenen Boddhisatwas beschützen. Hier auch unser erstes Erlebnis mit fotohungrigen Chinesen. Sie wollen mit uns Ausländern auf ein Bild. Erst fragt einer, plötzlich ist man umringt von Hunderten, und steht im Mittelpunkt von blitzenden Kameras. Gar nicht so einfach, nach unendlich vielen Fotos da wieder loszukommen. Als wir zwei Tage später den heiligen Berg Hengshan besteigen, läuft uns die Fotografin sogar die 2000 Höhenmeter an den Bergfuß hinterher, bis wir ihr die zwei Fotos abkaufen, zu denen sie uns dort festgehalten hat. Sie ist fast schon aufdringlich.



Wutaishan - Die 5-Gipfel-Berge

Wir beginnen nun den Weg zum Wutaishan (五台山 Fünf-Gipfel-Gebirge) Also, nachdem wir am ersten Tag statt dem Gipfel ein paar Mönche aus der Provinz Qinghai (青海) getroffen hatten, wollten wir am nächsten Tag doch noch den höchsten Gipfel stürmen. Aber nein, wegen Wind und Regen war der geschlossen. Daher entschieden wir uns für eine kleine Tour, nur einen Tempel angucken. Naja, die Karten hier in China sind ausnahmslos Mist, und die eingetragene Straße entpuppte sich an eine riesig lange Treppe einen Berg hoch, der nach meinem Gefühl nicht weniger hoch war als der vom Vortag. Also, hoch, ich war jedenfalls dann fix und fertig. War aber interessant, dort sind auch noch zwei Mönche aus Tibet (西藏xizang) zu uns gestoßen. Mönche – bewaffnet mit ihrer Kutte, einem knallgrünen Regencape und natürlich einem Handy. Aber alle Achtung: der eine ist aus Tibet hierhergelaufen, schon ein Jahr unterwegs. Jetzt kommen in 15 Tagen die sämtlichen Gipfel des Wutaishans dran. Nicht schlecht, und wir machen schon nach 3 Bergen schlapp. Ach ja, vor der Treppe ging es schon einen Pfad hoch. Dort wird man doch tatsächlich von über 70jährigen alten Männern leichtfüßig überholt! Unglaublich. Die sind fit! Jetzt der lustige Teil: ganz oben war dann ein Tempel. Im Tempel anstellen an eine Schlange von 20 bis 30 alten und jungen Chinesen. Die Attraktion dort: ein Loch in einer Höhle, Loch etwa 30cm Druchmesser, allen Schmuck ausziehen und durchquetschen, Hände nach vorne und gleich mal steckengeblieben! Aber keine Panik, man wird von vorne gezogen, von hinten geschoben und landet schließlich in einer kleinen Höhle, höchstens 4 Kubikmeter groß, mit einer kleinen Buddhastatue. Das war die ganze Attraktion! Wir hatten uns beim Anstehen schon gewundert, warum alle so verschwitzt und fertig da wieder rauskommen. Die Chinesen sind schon ein komisches Völkchen, wird etwas als Attraktion angepriesen, machen sofort alle begeistert mit!

Pingyao

Nächste große Station ist Pingyao, hochgelobt von Reiseführern und dicht mit Touristenläden besiedelt. Emsig sind die chinesischen Arbeiter noch dabei, die letzten stilistisch traditionell aufgemachten Häuser fertigzustellen. Diese werden uns auch kurzerhand als über 300 Jahre alt und noch aus der Mingzeit datierende Bauten hingestellt. Jedoch scheint keines der Häuser noch die Statmauer älter als 20 Jahre zu sein. Immerhin hatten wir hier Gelegenheit, auf einem „Kang“ zu schlafen. Das sind Betten auf einem großen hohlen Steinklotz, in den Nachts heiße Kohlen gelegt werden können. Da wir aber keine Kohlen bekommen, werden wir trotzdem krank nach diesem verregneten Tag. Mareike und ich gönnen uns daraufhin erstmal eine Fußmassage. Zuerst werden die Füße in duftenden Kräutern gebadet und dann mit unglaublicher Fingerkraft ordentlich durchgeknetet. In Sachen Massage sind die Chinesen absolute Meister!

 

Xian

Endlich kommen wir nach Xian, der berühmten früheren Kaiserhauptstadt. Wir wollen uns nach so viel Abenteuer erst mal ein paar Tage ausruhen. Bei der Suche nach einem Internetcafe hilft mir eine Chinesin, wir kommen ins Gespräch und werden Freunde. Sie heißt Ting und lädt uns sogar zu sich nach Hause ein. Auch zeigt sie und die Stadt und Sehenwürdigkeiten wie die kleine und große Wildganspagode. Wir bleiben auch später noch lange in Kontakt und sie ist für mich auch der erste Anreiz, das SMS-Schreiben mit chinesischen Zeichen zu lernen und bald zu perfektionieren. Das in Beijing erstandene Lenovo-Handy erweist sich als guter Begleiter in ganz China. Erst nach einem Jahr in Deutschland hat das gute Stück schließlich den Geist aufgegeben. Wer nach Xian reist, muss auch die Terrakottaarmee, auf chinesisch Bingmayong, gesehen haben. Wir machen uns auf den Weg dorthin. Je näher wir kommen, desto mehr alte und berühmte Gebäude und Figuren säumen die Straßenseite. Neben den Terrakottokriegern tauchen auch unzählige Ritter, Pyramiden und Sphinxe auf. Ob die nun thematisch hierhin passen, bleibt dahingestellt, hauptsache sie verkaufen sich gut. Die Terrakottaarmee selbst besteht aus mehreren leeren Steinhallen und nur einer, die mit den verbliebenen Krieger- und Reiterfiguren bestückt ist. Diese eine Halle war doch den Weg wert, aber die danach noch in der Tagestour enthaltenen Huaqing-Quellen sicher nicht. Merke: keine Tagestouren mehr.

"Dengyihuir!"

Geplant sind nun noch weitere Kulturtouren nach Kaifeng und Luoyang, sowie der Drei-Schluchten-Damm und der Berg Huashan. Die müssen aber weichen, weil wir uns stattdessen doch für die Metropole Shanghai entscheiden. Gesagt getan, doch Zugtickets gibt es nur noch für den Bummelzug, 33 Studen auf harten Sitzplätzen. Erst nach dem Kauf geht uns auf, wie unbequem das sein wird, und kaufen uns dazu nochmal Karten fürs Flugzeug. 2 Stunden in einer topmodernen Boeing. Dass wir die aber schließlich rechtzeitig erreicht haben, ist nur dem Himmel zu verdanken. Alles Schicksal war gegen uns. Das für 2 Uhr bestellte Taxi traf erst um halb 4 am Hotel ein. Kaum zu glauben, wie uns die Chinesen so lange mit ihrem „dengyihuir“ (=wartet noch kurz) einlullen konnten! In der Stadt war dann gerade großer LKW-Streik, dodass jede Straße lückenlos mit randvoll beladenen LKW zustand. Unser Taxifahrer wich dann so wie viele andere auch auf Gehwege, Tankstellen und Vorgärten aus. Kreischende Chinesen liefen vor uns davon, andere blieben ganz ungerührt von dem ihnen so normal erscheinenden Verkehrschaos, Unfälle konnten immer nur haarscharf vermieden werden. Es ging Zentimeterweise vorwärts und nur kanz knapp an Bäumen und Hauswänden vorbei. Doch wir haben es geschafft und saßen rechtzeitig im Flugzeug! Die Lektion haben wir gelernt. Glaube niemals einem "dengyihuir". Im Flugzeug konnten wir dann auf unserem ersten innerchinesischen Flug die nüsseknabbernden Fluggäste bewundern, da sie nicht wie die Zugpassagiere ihren ganzen Dreck direkt auf den Boden spucken, sondern peinliche Ordnung halten.

Shanghai

In Shanghai fühle ich mich irgendwie wieder aus China herausversetzt. Nicht nur die Skyline, die fast gänzlich auf Brücken verlaufenden Autobahnen sowie Metro, sondern auch der Menschenschlag gibt uns ein anderes als das bereits kennengelernte Bild. Die Menschen sind hier an Ausländer gewöhnt, statt dem sonst üblichen starken Interesse begegnen uns hier viele mit eher verächtlichem "laowai!" (=alte Ausländer). Die Verständigung ist hier auch schwerer, denn obwohl viele meinen, hochchinesisch zu reden, bleiben sie oft in ihrem unverständlichen Shanghai-Dialekt verfangen. Doch das war nur der Eindruck in der Stadt. Heute morgen war mal ich alleine unterwegs. Wie kann man sich sowas entgehen lassen! Um 6 Uhr morgens war ich im LuXun-Park. Dort wimmelte es von alten Leuten, die tanzen, Taiji und Ähnliches in unterschiedlicher Schnelligkeit, Eleganz und Gruppengröße trainierten. Es wurde immer voller. Und alte Menschen sind hier fit, mann-o-mann! Außerdem auch nett, grüßen und interessieren sich. Am Ende bin ich in eine Gruppe von Musikern und Schauspielern gelaufen, mit einer Erhu (二胡), einer Pipa (琵琶), ein paar Trommeln und Glöckchen. Eine Frau, oder einmal Frau und Mann, hat immer dazu gesungen und etwas getanzt Ich soll gleich mitspielen und singen. Wirklich nett waren hier alle, und ich habe das Durchschnittsalter erheblich gesenkt, denn die meisten um mich herum waren über 70, manche über 80 Jahre alt. Links und rechts neben mir saßen eine Frau und ein Mann, die sich freuten, sich mit mir zu unterhalten. Eine wollte unbedingt meine Mutter sein, sodass ich bald in Shanghai und in Beijing je eine halbe Familie hätte usw. Ich habe ein Shanghaidialekt-Wort gelernt, Deutscher heißt ungefähr "dikoki", statt "deguoren" auf Mandarin. Um halb 9 hat sich die kleine Gesellschaft dann aufgelöst. Sie kommen jeden Tag um halb 6 hierher, singen und machen Musik, oder spielen kleine Stücke. Es gab auch etwa 30-40 Zuschauer, sogar im Rollstuhl und über 90 Jahre. Eine alte Frau hat immer versucht, im Takt mitzuschnippen, aber nur versucht wie gesagt.. Sämtliche Shanghaier Bevölkerung zwischen 60 und 100 Jahren scheint also in der Morgenfrühe in solchen Parks versammelt zu sein. Ich bin beeindruckt von diesen Frühaufstehern, die mir ein klasse Erlebnis bieten.

Hangzhou

In Shanghai scheint gerade Regenzeit zu sein, es schüttet täglich, und auf den Straßen steht kniehoch das Wasser. Zeit für uns, einen Tagesausflug ins nahegelegene Hangzhou zu unternehmen. Auch Hangzhou war wie Xian einmal Kaiserstadt. In Hangzhou gibt es außerdem den berühmten Westsee, der nach einer chinesischen Sage aus den Tränen einer holden Jungfrau entand. Hangzhou bietet uns nicht nur wunderbare Erholung, sondern auch ein weiteres für China kennzeichnendes Erlebnis. Wir möchten das berühmte Teemuseum besuchen. Daher erkundigen wir uns nach dem Weg, fahren mit dem Bus zu der entsprechenden Stelle und sollen von aus noch kurz zu Fuß gehen. Wir sehen viele Arbeiter auf dem Holperpfad und fragen sie nach dem Weg. Sie freuen sich über den Ausländerbesuch und geben sich äußerst hilfsbereit. Als wir endlich schlammbesudelt von dem schrecklichen Pfad am Museum ankommen, müssen wir feststellen, dass dieses wegen Renovierung geschlossen ist. Jetzt wird auch klar, warum hier so viele Arbeiter herumwerkeln. Hätten die mal gesagt, dass das Museum zu ist! Aber danach haben wir ja nicht gefragt.

...und zurück ins gute alte Beijing!

Bald geht es zurück nach Beijing, mit dem Schnellzug im komfortablen weichen Liegeabteil. Kaum sind wir an der Uni, fühlen wir uns nach den ganzen Abenteuern schon wieder wie zuhause, besorgen uns unser Zimmer für die nächsten beiden Semester und meinen uns in Sicherheit, um uns vor Semesterbeginn noch ein paar Tage auszuruhen. Der Stress der Registrierung am nächsten Tag liegt noch völlig ungeahnt vor uns.
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