Teepfluecken

Teepflücken bei den Teebauern - Meine Geschichte vom Tee

3.5.05

Heute erzähle ich euch meine Geschichte vom Tee. Eigentlich fing alles damit an, dass ich in Beijing in einem der vielen Teegeschäfte in der Maliandao-Straße (马连道) eine Tasse Tieguanyin (铁观音) probiert habe. Dass mich diese Tasse aber tatsächlich direkt zu den Teebauern und ihren behüteten Blättern führen würde, war mir damals noch nicht bewusst.


Wuyishan (武夷山) und der Wuyi Bergtee (武夷岩茶 wuyiyancha)

Wuyishan

Nun bin ich in Wuyishan (武夷山), einem Gebirge in der Provinz Fujian (福建) in Südchina, wo jeder Berghang mit Teesträuchern bepflanzt ist. Gerade heute morgen habe ich Teeblätter von einem seltenen Tee gepflückt, einem Tee, von dem jedes Jahr nur wenige Kilogramm geerntet werden, der nur in Handarbeit getrocknet und gewendet wird und außerdem sehr lecker und schweineteuer ist. Doch erst mal ganz von vorne. Gestern morgen komme ich also in dem kleinen Städtchen Wuyishan an, in der Frühe um 4 Uhr, nach 14 Stunden Zugfahrt im Hardsleeper von Xiamen (厦门) aus. Immerhin, ausgeschlafen, aber völlig ohne Plan, steige ich aus dem Zug, zum erstenmal in China ganz alleine unterwegs. Wie sich noch herausstellen sollte, ist man aber beim Alleinreisen fast mehr unter Leuten als beim Reisen in der Gruppe. Der erste Taxifahrer dem ich begegne, erklärt mir, dass es kein Hotel unter 200 Kuai gibt. Pustekuchen! Da hab ich auch schon jemand gefunden, der mich auf seinem Motorrad für 10 Kuai zu einer Herberge für 30 Kuai pro Nacht bringt. Naja, die ersten beiden Herbergen sind um diese Zeit noch verschlossen, es ist ja noch dunkel. Schließlich finden wir etwas für 40 Kuai, und zwar nur 100m vom Bahnhof entfernt. Da noch kein Bus fährt, bringt mich derselbe Typ auch noch zum Wuyigong (武夷公), dem Park der hier als „die Attraktion“ angepriesen wird und dem Lonely Planet zufolge erst ab 6:30 Eintritt löhnt. Nur ist der Chinese zu linientreu, um mich dort hineinzulassen, und fährt mich lieber selber zu allen möglichen Orten, auf denen man gut Fotos schießen kann. Unterwegs erzählt er mir noch, dass wir doch gute Freunde sein sollen, er mich die ganzen 3 Tage herumfahren kann und ich nur den Sprit bezahle. Er will mir begeistert alles zeigen. Aber ich kenne doch die Chinesen, die nichts ohne geschäftliche Hintergedanken tun!

Chinesen mit Bambuskörben

Zuerst gucken wir zusammen in einen Teebetrieb am Straßenrand hinein, danach, als einer der Touri-Orte öffnet, soll ich dort für 22 Kuai den Berg hochsteigen und mir die Aussicht angucken. Gerade recht kommt plötzlich eine Wagenladung voll Chinesen mit Bambuskörben vorbei, die einen Bergpfad etwas neben dem Touri-Eingang hochläuft. Kurz entschlossen frage ich sie, ob sie Tee pflücken gehen und ob ich mitkommen kann, da bin ich auch schon mittendrin und steige mit ihnen Hunderte von Stufen den Berg hinauf. Nur blöd, dass ich weder etwas gegessen noch getrunken habe, denn der Magen meldet sich bald, als es bald anfängt heiß und schwül zu werden. Unterwegs zum Teefeld, es ist doch immer wieder faszinierend wie schnell man mit den Chinesen (auf dem Land) ins Gespräch kommt und dass die sich immer freuen, mit chinesischsprechenden Ausländern zu reden! Den ersten Tag verbringe ich also hauptsächlich damit, mit einer der vielen Teepflückergruppen zusammen Tee zu pflücken. Ich lerne, wie man die obersten, frischesten Blätter inklusive Stiel von den Sträuchern abrupft, und noch einiges andere über Tee, frage soviel wie mir an Fragen einfällt. Die Leute sind wirklich nett, zeigen mir alles und lassen mich (die ich inzwischen schon halb verdurstet bin) von ihrem mitgebrachten Tee trinken. Nach stundenlanger Arbeit schaue ich nachmittags fix und fertig auf die Uhr: voller Ironie zeigt die mir aber erst 9 Uhr morgens an! Sowas!

Einladung in den Teebetrieb

Ich verabschiede mich erstmal von den netten Leuten, muss was essen. Sie laden mich noch ganz herzlich ein und schreiben mir auch ihre Adresse auf. Ich wieder zurück zum wartenden Motorrad, und – diesmal mit Helm(-attrappe) – auf zum Essen. Im nächsten Kodakshop lasse ich noch schnell (10min) ein paar Bilder entwickeln, zahle den Motorradtypen nach endlosem Handeln und Diskutieren aus, und bin flugs zurück zu den Teepflückern. Doch wo sind die hin? Das Teefeld, auf dem sie jetzt pflücken, muss in der Nähe sein, doch wo? Da ich sie nicht finde und hundemüde bin, ruhe ich mich einfach in einem Häuschen aus, das auch für sämtliche Teepflücker zum Ausruhen beim Schleppen von pro Mann 30 kg Tee (in zwei Bambuskörben, hängend an einer über die Schulter geworfene Bambuslatte) dient. Auch Touristen kommen vorbei, denn schließlich sind 1.Mai-Ferien, Reisewoche für die Chinesen. Einige glotzen mich an wie einen Marsmenschen, und rufen erstaunt: Kaum zu glauben, dass sogar Laowais hierherkommen! Als es gegen Abend anfängt zu regnen, treffe ich auf eine andere Teepflückergruppe beim Heimlaufen, was eigentlich mehr ein Heimrennen ist. Auch Kinder sind dabei. Die helfen in ihren Ferien auf dem elterlichen Betrieb in der jetzigen Teesaison aus. Alle Kinder in China gehen zur Schule und müssen eigentlich auch nur gute Noten haben um an die Uni zu kommen. Die zwei etwa 13-jährigen Mädchen freuen sich mit mir zu reden und fragen gleich ihren Boss, ob ich nicht bei ihnen im Auto mit heimfahren kann. Zuguterletzt stehe ich also mit 10 anderen Teepflückerinnen hinten auf einem Mini-Pickup mit Plane drüber. Die Luft ist zum Ersticken, doch da Leute hinten auf dem Auto verboten sind, muss die Plane auch dort bleiben wo sie ist.

Das Bergteedorf

In dem Dorf gibt es nur Teebetriebe. Es gibt keine Straßennamen, nur Hausnummern von 1 bis etwa 50, das ist alles. Ich mache mich also auf die Suche nach Nummer 25, dem Haus der Familie, die mich am Morgen eingeladen hat. Kaum habe ich es gefunden, werde ich auch sofort begrüßt, von den Söhnen des Chefs. Die haben mich zwar noch nicht gesehen, dafür schon von mir gehört. Man ist doch immer ein berühmter Vogel hier als Ausländer, dazu noch chinesischsprechender!

Teeverarbeitung und "Gongfucha"

Wir trinken Tee, ich gucke mir alles an und bekomme noch mehr erklärt. Der Tee wird zuerst getrocknet, je nach dem mit Hand, von der Sonne oder in riesigen elektrobetriebenen Trommeln, dann bei hohen Graden in einem Ofen fermentiert (fermentieren = gären und oxidieren). In einer Maschine rollen sich hinterher die Blätter unter Druck und Drehbewegung zusammen. Schließlich kommt der Tee dampfend, duftend, warm und feucht heraus und wird nochmal auf Bambusmatten in Hitze getrocknet. Natürlich muss der Tee auch richtig zubereitet werden, vor allem der wertvolle Gongfu-Tee (功夫 Gongfu bedeutet Zeit. Diesen Tee zu bearbeiten, nimmt viel Zeit, Mühe und Handarbeit in Anspruch), der dann auch besonders aromatisch schmeckt. Tatsächlich trinkt man hier Tee, dessen Geschmack man vorher sonst noch nie geschmeckt hat. Manche Sorten erinnern fast an einen gut aufgebrühten Espresso. Auch Tee kann sehr gut sein. Wie seltsam, dass man so einen Tee in keinem Ort in Deutschland probieren kann! Hier gibt es jede Menge zu lernen und zuerforschen.

Teebauern und Gastfreundschaft

Die Teebauern sind supernett zu mir. Ich esse dort, und weil ich am nächsten Morgen wieder Tee pflücken gehen will, bekomme ich unversehens ein Zimmer zum Schlafen zugeteilt, ein frisches Handtuch und eine neue Zahnbürste. Meine Sachen, sollen die halt im Hotel stehen wo sie stehen. Wow, das Zimmer ist das Schlafzimmer des zweiten Sohnes, der mir das Zimmer für heute ganz selbstverständlich überlässt. Komfortabel eingerichtet, mit unerwartetem Laminatfußboden, modernem Bad und Großbildfernseher mit Surroundsystem. Sämtliche Filme und CDs, falls ich mich alleine entspannen will. Alles im krassen Gegensatz zu dem sonst so einfachen Haus und seinen Leuten. Abends kommen noch Gäste die Tee probieren wollen, und man kann sich ganz ungezwungen irgendwo dazugesellen, entweder zum Teetrinken und Diskutieren über die Welt, oder draußen mit dem Enkel spielen und sich mit einer wie auch immer Verwandten über alles Mögliche und Unmögliche unterhalten, mit einem der knapp 30jährigen Söhne auf dem Rutschauto des Enkels fahren, dem Vater beim behutsamen Wenden des Gongfu-Tees zugucken, im Haus zusammen mit irgendeinem anderen Sohn Bilder angucken und sich über die Landschaft oder über Unterschiede zwischen Europäern und Chinesen unterhalten, oder sich einfach zurückziehen und unter die Dusche stellen. Ganz nach Belieben.

Jetzt ist Pflücksaison

Am nächsten Morgen, mein Wecker steht auf 5:45. Ich stehe sofort auf, denn ich höre schon die Teepflücker wie sie sich munter unterhalten. Trotzdem bin ich zu spät. Teepflücken daher erst am Nachmittag. Morgens stattdessen angucken, wie die Söhne den am Vortag gepflückten Tee weiterverarbeiten. Alles noch genauer angucken und erfragen. Ich schaue mir auch andere Betriebe im Dorf an. Doch in einigen Betrieben spricht niemand Putonghua, oder es fehlt an Maschinen, an der mir inzwischen schon so vertrauten liebevollen Aufopferung für den Gongfu-Tee, an junger Arbeitskraft, oder die Leute wollen mir einfach nur ihre Produkte verkaufen. Kurz gesagt, ich finde keinen Betrieb der so geschmiert läuft wie bei er Familie wo ich untergekommen bin. Darüber hinaus scheinen mir in diesem Betrieb die (zu der Zeit noch erlaubten) zahlreichen Kinder intelligent und gebildet zu sein, widmen sich teilweise neben dem Tee noch ganz anderen Dingen wie zB einem Job beim Film, wo man in vielen großen Städten herumkommt. Um neun Uhr werde ich schon wieder langsam müde. Wir trinken Tee und unterhalten uns, nicht aber ohne vorher noch eine Runde auf dem Motorrad gedreht und festgestellt zu haben, dass ich tags zuvor frühmorgens viel besser dran war als jetzt unter unglaublichen Horden von chinesischen Touristen. Tee macht wieder munter. Um 11 Uhr essen wir (endlich) zu mittag. Danach wollen wir zu dritt Tee pflücken gehen. Die Mutter, der älteste Sohn und ich. Die Sonne strahlt. Nicht einmal die Bauern hätten gedacht, dass es nur eine Stunde später in Strömen regnen würde. Wir sind bei den ersten Tropfen gerade beim Pflücken eines höchst raren und ganz besonders feinen Tees. Der Oolongtee (乌龙 wulong) des Wuyishans wird nur einmal im Jahr gepflückt, und das nur in einem Zeitfenster von wenigen Tagen. Wenn also dieser Tee heute nicht gepflückt wird, dann muss er morgen unbedingt herein, bevor die Blätter zu stark und daher zu bitter werden. So können wir uns nur schwer dazu bringen, vom Pflücken abzulassen und stattdessen mit hängender Mütze heimzuziehen. D.h. meine vom Blätterzupfen wunden Finger freuen sich nicht eigentlich schon auf Pflege. Patschnass und dreckig kommen wir heim. Ungeübt wie ich bin rutsche ich mehrmals auf dem glitschigen Matschboden aus, doch die anderen beiden "alten Hasen" bringen geschickt ihre riesigen immerhin halbvollen Körbe unversehrt mit und sehen selbst ganz und gar nicht so dreckig und begossen aus wie ich!

Zurück in die Stadt

Ich also erst mal zurück in die Stadt in mein Hotel, wo meine frischen Sachen warten. Ich werde morgen wiederkommen. Angeblich gibt es einen Bus in die Stadt. Ich warte an der Straße eine halbe Ewigkeit ohne einen solchen Bus zu sehen. Da hält ein Motorrad und nimmt mich für 10 Kuai mit. Und wird mich außerdem morgen wieder um kurz nach 5 abholen, damit ich morgen nicht den Anschluss an die Teepflücker verpasse. Jetzt muss ich schnell noch ein paar Fotos vom heutigen Tag entwickeln, damit ich die morgen den entsprechenden abgelichteten Personen mitbringen kann. Ich habe fast alle Familienmitglieder abgedeckt, die freuen sich bestimmt :-) Morgen muss also noch alles gelernt werden was ich heute versäumt habe zu erfahren, und abends soll es schon wieder heimgehen. Heim, dass heißt zurück nach Xiamen und auf zum nächsten Teeort, bis Thomas (der zur Zeit in Xiamen studiert) wieder von seiner Thailand-Reise zurückkommt und wir zusammen Xiamen und Hongkong angucken. Bis jetzt war die Reise schon unvergesslich. Erlebnisse, die sich mein Chinabild um 300% verbessern lassen, nette Leute die sich gerne mit mir unterhalten, interessante Teekenntnisse, einzigartige Landschaften und tropisches Wohlfühlklima. Ganz zu schweigen davon, dass ich den ganzen Tag Chinesisch rede und höre, also mich nicht um den Unterricht zu sorgen brauche, den ich deshalb verpassen werde.

 

Die Teehauptstadt Anxi(安溪) und der Tieguanyin(铁观音)

7.5.05

Teehändler

Ich bin erstmal wieder zurück in Xiamen. Insgesamt drei Tage lang war ich in Wuyishan und hab mir dort die ganze Teepflückereisache angeschaut. Heute wird ausgeruht. Morgen geht es dann weiter: als ich bei dem Teebetrieb war, kam ein 23jähriger Geschäftstyp aus der Shandong(山东)-Provinz an. Der hat in Shandong (der Provinz, in der auch Qingdao青岛 liegt) ein Teehaus, wo er seinen Gästen Tee serviert. Solche Teehäuser gibt es hier wie Cafes in Europa. Jedenfalls kauft er bei jenem Teebetrieb einen Großteil seines Tee direkt ein. Zusammen mit einer seiner Angestellten ist er jetzt unterwegs auf Teekauf in Fujian, und ich fahre morgen mit den beiden nach Anxi(安溪), welches für seinen weltberühmten Tieguanyin(铁观音) bekannt ist. Dort hat er wiederum Kontakte zu den dortigen Teeverkäufern, und hat mich eingeladen mitzukommen. Da wir beide die Sprache Nordchinas sprechen, im Gegensatz zum minnan(闽南)- oder minbei(闽北)- Dialekt hier, fühlen wir uns verbunden wie Landsleute. Auf in ein weiteres Abenteuer. Und wie gesagt, trotz der allein angetretenen Reise war ich doch nie völlig alleingestellt, hatte immer Hilfe und Freunde.

Tieguanyin-Tee: "Eiserne Göttin"

Um Anxi herum wird der Tieguanyin(铁观音) angebaut, wie der Wuyiyancha(武夷岩茶) ein Wulongtee(乌龙茶), der sehr lecker schmeckt und sehr gerne auch von Feinschmeckern auf Taiwan und in Japan getrunken wird. Vor allem beim Tieguanyin gibt es sehr große Qualitätsunterschiede. Die hängen vor allem von Erntezeit (viermal im Jahr), Wetter beim Pflücken, Sorte, Anbaugebiet, und Aufwand bei der Verarbeitung ab. Die fertig getrockneten, fermentierten und sich zu Kugeln zusammengerollten Teeblätter werden schließlich auf riesigen Teemärkten wie zB der „Teehauptstadt“ (茶都 chadu) in Anxi, verkauft. Als Käufer sollte man sich unbedingt im Teegeschmack auskennen, denn aus den großen Säcken probiert man kleine Proben, erschmeckt den ungefähren Wert und verhandelt dann direkt und unkompliziert mit dem jeweiligen Verkäufer über den Preis. Gekauft wird dann auch gleich säckeweise. Selber hatte ich übrigens gleich schon direkt beim Betrieb auf Wuyishan leckeren Tee gekauft, und zwar die Sorten Dahongpao(大红袍), Shuixian(水仙), Rougui(肉桂) und 304(三零四).

 

 

 

 

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