Mongolei

Die Reise nach Neimenggu, der inneren Mongolei

18.09.04

Herbstferienplanung

In Beijing fängt es jetzt langsam an kalt zu werden, zuerst nur früh morgens und abends, mittags scheint noch ganz gut die Sonne. Demnächst werde ich mich dann auf die Suche nach einem Wintermantel machen, die Mäntel kommen so langsam in die Geschäfte. Heute waren wir auch schon ein bisschen Shoppen. Ich habe eine Tasche gekauft und ein langärmliges Shirt mit einem gelben Katzengesicht vorne drauf. Außerdem 2 Gürtel. Alles in allem habe ich weniger als 10 Euro bezahlt. Morgen gehts weiter, noch einen Markt angucken, dann zum Mittagessen Huoguo (火锅), Feuertopf. Das wird wieder ein Gespritze, das T-Shirt kommt danach sofort in die Wäsche ;-) Wenn alles klappt, werden Karen und ich Anfang Oktober noch eine kleine Reise in die Innere Mongolei machen. Wir haben wegen Nationalfeiertag eine Woche frei (wohlgemerkt, der Feiertag ist Freitags, und weil es unbedingt nur 5 freie Tage geben darf, fängt der Unterricht Sonntags wieder an..). Freie Woche, das ist ein schönes Stichwort. Wir werden uns wohl am 1. Oktober zu den anderen Millionen Chinesen auf den Tiananmen vorwagen und versuchen, dort einen Blick auf die Militärparade zu erhaschen. Danach werden wir uns dann auf dem Grasland im Norden den Allerwertesten abfrieren. Nach der englischen Übersetzung der Reiseagentur erwartet uns außerdem noch "send slippery", "camel reding" und "live on train"...

1.10.04

...schnell noch ein paar Pullis kaufen...

Morgen geht es los. Richtung Norden, 11 Stunden mit dem Zug in die Innere Mongolei. Heute habe ich noch dicke Unterwäsche gekauft und zwei Pullis. Abends dann hab ich in dem Restaurant unter der Mensa (denn diese macht schon um 7 zu und ich war zu spät) eine Chinesin kennengelernt, die aus der Inneren Mongolei kommt. Sie hat ein bisschen erzählt, wie die Temperatur dort so ist und vor allem in der Wüste. Mittags Bullenhitze und abends Minusgrade, also den ganzen Kleiderschrank mitnehmen. Naja nicht ganz, wir sind ja nur 3 Tage dort. Heute war Feiertag. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und hab ein paar Läden ausprobiert, die mir die Chinesen gesagt haben. Die meisten Läden sehen von innen aus wie ein riesiger Markt auf mehreren Stockwerken. Es gibt dort alles zu kaufen, Klamotten, Schuhe, Hygieneartikel, Geschenkwaren, alles. Ich hab mir eine dunkelgrüne Cordjacke gekauft, die fast bis zu den Knien geht. 7 Euro. Handeln hat nur 20 Sekunden gedauert, hätte man noch ausreizen können. In diesen Läden muss man immer handeln. Es gibt aber auch andere kleine Geschäfte, in denen steht der Preis an den Sachen und den muss man auch bezahlen. Trotzdem viel billiger!

8.10.04

Die Innere Mongolei (内蒙古 neimenggu)...

Das Wichtigste kurz und bündig: Es war superschön, die riesigen Menschenmassen hinter sich zu lassen, den Lärm und den Dreck. Einfach durchs Grasland laufen, alle anderen noch fest schlafend, ich eingemummelt in mehreren Schichten und immer noch frierend. Also nur ich, links die gerade aufgegangene Sonne, rechts der Mond und auf dem Boden der gefrorene Pferdemist. Überall wo man hinguckt das gelb werdende Gras bis zum Horizont. In eine Richtung kann man unser Camp sehen mit den "menggubao" (蒙古包), den Mongolenzelten. Das sind – für die Touristen jedenfalls – Metallgitter mit Stoffüberzug. Demzufolge zieht es dann nachts unter dem dünnen Stoff hindurch, sodass man trotz mehreren Lagen Unterwäsche, Rollkrakenpulli, Jacke und dicke Decke noch friert. Daher wollte lieber früh aufstehen und die steifen Rückenmuskeln etwas bewegen, alle anderen sollen doch faul weiterfrieren. Der Sonnenaufgang war genauso wunderschön wie der Untergang am Tag zuvor. Daran denke ich nun wenn ich an Inner Mongolia denke. Ja, ich denke an Inner Mongolia und nicht Innere Mongolei, weil wir meistens Englisch reden. In der Gruppe waren noch einige Hongkongchinesen, mit denen redeten wir lieber auf Chinesisch. Um das Kantonesisch zu verstehen wird es wohl noch eine Weile dauern. Bis jetzt können wir nur ein paar Sätze, die hören sich etwa so an: "nei gei houa ma? houhou, duojie" Aber mal zu den Facts, wir waren acht Studenten aus fünf Ländern: Karen und Julian aus Australien, Lilly aus Frankreich, Atle aus Norwegen, Karl, Fu Huei und Hannah aus Sweden, und ich aus Deutschland. War eine lustige Truppe. Wir kamen also an in Huhot (呼和浩特 huhehaote). Am Bahnhof holten uns die fahnenschwenkenden Reiseführer ab und brachten uns zum Bus. 2 Stunden Fahrt nochmal nach der 11stündigen Zugfahrt. Ein Klacks. Die Landschaft wurde immer karger, bis zum Schluss nur noch weite Grasflächen zu sehen waren und ein paar Hügel, sehr wenige Bäume. Aus dem Bus heraus, wurden wir von singenden Chinesen empfangen und jeder musste einen Schluck Baijiu (白酒) trinken, klaren Schnaps. Die Chinesen waren schätzungsweise Han-Chinesen, die sich als Mongolen verkleidet hatten. Am liebsten hätten sie uns auch diese Klamotten verkauft! Das Camp war mitten im Nirgendwo. Kleine Hoppelstraßen führten dorthin, ansonsten waren wir recht abgeschlossen. Naja, als ich dann am nächsten Morgen etwas spazieren war, fing plötzlich der eine Berg an, Musik zu spielen. Bestimmt war hinter dem Berg einfach das nächste Camp, und die zwei Alten die morgens Taiji-Übungen machten, würden das ohne Touris eher auch nicht tun. Was erwartet man von einer von Chinesen organisierten Tour in den Ferien um den Nationalfeiertag, der Hauptreisezeit in China? Da will natürlich jeder was dran verdienen. Den Eindruck bekommt man zB dann, wenn wir mit der ganzen Gruppe an ein altes Mongolenhaus aus Stein gekarrt werden, einen Stein nehmen müssen, dreimal in die eine Richtung um das Haus laufen, einmal in die andere Richtung, danach den Stein auf das Haus zurückwerfen und das bringt dann Glück! Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, ein bisschen mehr über die Mongolen, die Geschichte und Kultur zu erfahren. Unsere "daoyou" (导游 Gruppenreiseführerin) hat eigentlich nur immer gefragt, wie wir es denn fanden und ob wir müde sind. Mit dem Unterton, wir haben ja so viel erlebt und ihr seid jetzt alle bestimmt sehr zufrieden, müde, und das Essen hat auch allen geschmeckt ;-> Ihr Chinesisch war wenigstens meistens gut zu verstehen. Manchmal wenn es komplizierter wurde, hatten wir eine chinesischstämmige Amerikanerin dabei, die sicher zweisprachig aufgewachsen ist und uns dann alles übersetzt hat. So saßen wir also im Bus und die Daoyou fängt an: Überraschung, es gibt dort eine Eintrittsgebühr die alle jetzt bezahlen müssen. Vor unserer Tour wussten wir zwar, dass die freiwilligen Aktivitäten nicht inklusive waren, doch war nirgends davon die Rede, dass man ohne die Seilbahn gar nicht in die Wüste kommt, bzw. für den Fußweg auch noch mal zahlen müsste. Chinesen eben! Dazu kommt, so hat uns dieser Ausflug mal wieder gelehrt, was Chinesen unter "dengyihuir" (等一会儿 wartet mal kurz) verstehen. Anstatt uns gleich die Zugtickets zu geben, "dengyihuir", gleich bekommt ihr sie. Also vielleicht Stunden später. Erinnert mich daran, wie wir in Xi'an auf unser Taxi zum Flughafen gewartet haben, eineinhalb Stunden und der Hotelmanager wusste genau, dass es sich eben nicht nur um einen Augenblick handeln würde. Also, wann immer es heißt, "dengyihuir", kann man sich die Snickerswerbung vorstellen, "wenns mal wieder länger dauert". Am ersten Tag stand Pferdereiten auf dem Programm. Wir also nach dem Mittagessen gleich hin zu den Pferden, doch andere waren kamen uns schon zuvor. In einer halben Stunde sollen wir wiederkommen. Halbe Stunde also. Wieder bei den Pferden wurden uns Reitstiefel angeboten, die viel bequemer sein sollen zum Reiten. Kostet natürlich 10 Kuai, erfahren wir als wir sie dann anhaben. Na gut. Wenn es denn jetzt endlich losgeht. Allerdings kamen immer mehr Leute zum Reiten, manche drängeln sich vor, es ist ja einfach ein großer Platz und es gibt keine richtige Schlange sondern nur ein ungefähres Gedränge. Wenn neue Pferde kommen, müde zurück vom Ritt mit den letzten Touris, wurde der Geräuschpegel unter den Wartenden größer. Wer kommt als nächstes? Die Masse bewegte sich einige Meter weiter, nur um vorne zu stehen. Immer mehr Leute. Wie wird ausgesucht? Nicht etwa nach der Anstehzeit, sondern welchen der Führer man anspricht! Die kreischen sich dann laut an wie auf dem Markt und jeder versucht, seine eigenen Leute, die ihn oder sie gerade angesprochen haben, auf die Pferde zu bringen. Nach über einer Stunde mit Reitstiefeln dastehen dann, wir hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, kamen wir letztendlich auch dran. In China bekommt man nur etwas wenn man hartnäckig bleibt und die Ellenbogen benutzt. Die Pferde waren natürlich typische Touripferde, die nicht tun was der Touri ihnen sagt, sondern brav am Hinterteil des nächsten Pferdes bleibt. Wenn der Führer schneller reitet, beginnen auch alle anderen zu rennen. Da kann man noch so Sporen geben. Trotzdem machte uns das Reiten allen Spaß. Vllt ist es auch das Verlangen danach, mit dem Pferd zu kommunizieren und nicht nur tourimäßig draufzusitzen. Man merkt, man hat ein denkendes und fühlendes Tier unter sich, doch es ist ihm antrainiert, nicht auf den Touri zu hören. Auf dem Rückweg – wir legten eine Pause ein, um mongolischen Milchtee zu trinken und süßen mongolischen Käse und eine Art Brot zu essen - hatte ich ein anderes Pferd, ein Fohlen dass immer bei seiner Mutter und seinen Geschwistern blieb. Allerdings gehörte es zu der Gruppe vor mir und ich hieß ihm stehenzubleiben, da meine Gruppe noch nicht bereit war. Es ist immer wieder losgelaufen, erst als einer der Führer mit seiner Peitsche kam, hat es dann klein beigegeben. Keine Angst, die Peitsche schlägt nur in die Luft! Wenn man Touristen auf ein Pferd setzt, sind die meisten Anfänger. Die meisten werden ordentlich durchgeschüttelt oder finden nie raus, wie man seinen Popo schont. Ich behaupte ja nicht von mir dass ich reiten könnte, aber zumindest auf dem Rückweg hab ich mir soweit eine Technik abgeguckt und ausprobiert, dass nicht mehr alles wehtat und ich mich doch schonmal umgucken konnte. Abends gab es Essen, einige Gerichte und nicht zu vergessen der zähe Hammel mit viel Fett, das man eigentlich nur von den Knochen abknabbern kann. Alles andere war ganz gut *g* Schlafen im kalten Zelt, dazu Muskelkater vom Reiten, mein ganzer Rücken war steif und das Näschen eiskalt. Ich glaube aber, wenn man wie Karen noch eine Mütze anzieht, und noch ein paar Schals um den Nacken, dazu noch ein zwei Pullover mehr, dann könnte man auch die Nacht im Zelt ganz gut aushalten. Ich war jedenfalls froh, als morgens die Sonne aufging und wieder Bewegung möglich war. Am nächsten Tag gab es Wüste zu sehen. 5 Stunden mit dem Bus entfernt immerhin und wegen der schlechten Organisation der Daoyou hatten wir dann ganze 2 Stunden für die Wüste selbst. Karen, Lilly und ich entschieden uns gegen die Touristenattraktionen und stattdessen für den Spaziergang in Teile der Wüste, die noch keine Fußstapfen hatte. Dafür musste man eigentlich nur drei vier große Sandberge überqueren. Sonne war gut warm, aber es wehte auch Wind, sodass es mit T-Shirt und Jeans recht angenehm war. In die eine Richtung sah man wirklich nur Sand und Himmel, die andere Richtung halt die Stadt mit Fabrik, weil wir ja nur am Anfang der Wüste waren. Es war auch nicht Gobi, sondern eine kleinere Wüste, deren Name ich allerdings nicht genau ermitteln konnte. Zurück im Hotel rauschten uns allen die Ohren. Warum? Vllt wegen dem Wind in der Wüste, den wir dort gar nicht so laut wahrgenommen hatten. Das Hotel war auch nicht schlecht, mit warmem Wasser zum Duschen und Wasserkocher zur Trinkwasser-Herstellung. Nicht wie im Grasland, wo es auch im Shop kein Wasser zu trinken gab, nur die Möglichkeit, aus einem kleinen Ofen kochendes Wasser zu entnehmen, nachdem man sich eine Schale geliehen hatte. Denn unvorbereiteterweise hatten wir ja solche Dinge auch nicht dabei. Man lernt ja immer dazu, was so einen guten Reiserucksack ausmacht. Wir hatten alle völlig unterschiedliches Gepäck dabei. Julian hatte einen Minirucksack mit vllt. 1kg Füllung dabei, Lilly brachte 3 Taschen mit insgesamt über 15kg. Am letzten Tag war nicht mehr viel los. Zurückfahren, kurz eine halbe Stunde am Gelben Fluss verbringen, mit dem Boot rausfahren, Eintritt und Bootgebühren zahlen. Schöne Erfrischung aber! Überall gibt es auch Souveniers zu kaufen und Fotos mit Kamelen zu machen, Leute die einen auf Chinesisch ansprechen und erfreut sind mit uns reden zu können. Das Essen wurde jeden Tag besser. Am Anfang war es wirklich schlecht, alles mit Öl vollgesogen in ekligen Restaurants. Am letzten Tag gab es großen Feuertopf mittags und viele leckere Gerichte abends. Noch schnell in ein Museum, einen Tempel, dann wieder die rhetorische Frage hat es euch gefallen und seid ihr auch schön müde? Zum Abschluss dann noch Chaos beim Zug. Zuerst mussten die Daoyous uns fünfmal zählen, wir standen in zwei Reihen herum und sie haben sich dauernd verzählt und Stress geschoben. Dann, schnell aufteilen in unterschiedlich große Gruppen und jede Gruppe rennt der geballten Faust eines Daoyous hinterher, durch Menschenmassen am Bahnhof, zum Gleis und dort erhält sie dann erst die Tickets (sehr komisch, wer hat hier was an uns verdient?), wir müssen rennen und hin und her, ab in den Zug. Zug fahren. Hard sleeper, drei Betten übereinander. Eigentlich ganz bequem zum Schlafen. Morgens hat sich unser Zug dann irgendwie verirrt. Angehalten und rückwärts in die andere Richtung gefahren. An der Großen Mauer vorbei. Dann stehengeblieben. Ein Schaffner holt Werkzeuge aus dem Kasten unter meinem Bett. Nach einer Ewigkeit ging es endlich weiter und wir kamen nur einige Stunden verspätet in Beijing an. Das war eine Reise! Keiner bereut es mitgefahren zu sein, die Landschaft, das Zelt, die Wüste, die Ruhe, der hohe Himmel, das Zusammensein, obendrauf das ganze Abenteuer einer chinesischen Reisegruppe. All das wird uns gut in Erinnerung bleiben. Aber keiner von uns will je wieder eine von Chinesen organisierte Gruppenreise machen! Schade eigentlich, dass es schon vorbei ist. Noch ein paar Tage länger auf dem Grasland, noch einmal die Sonne und den Himmel angucken, ohne stundenlang auf die Pferdeattraktion warten zu müssen, noch ein paar Tage dem Lärm von Beijing und dem Dreck und Verkehr der Menschenmassen aus dem Weg zu gehen! Am Sonntag fängt die Uni wieder an. Mit dem Unterricht von letztem Freitag, der muss nachgeholt werden. China hat uns wieder.
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