Grosse Mauer

Die Große Mauer
16.10.04: Ein Dorf in China...
Eigentlich wollten wir nur ein Stückchen auf der Großen Mauer (长城 changcheng) entlanglaufen. Weil es so lange dauert dorthinzukommen, haben wir einmal dort übernachtet. Qiao hat das organisiert, sie wusste den Ort von einer Freundin, und ohne solche chinesischen Freunde kommt man ja an sowas nicht ran. Wir verbrachten die Nacht also in einem Bauern- und gleichzeitig Herbergshaus im Dorf Gubeikou, das erste richtige chinesische Dorf das ich in China erlebt habe. Ich sehe jetzt noch den Tisch in dem Raum vor uns, als wir ankamen. Der Tisch gedeckt, mit Essen für uns drei, Qiao, Lauren, mich.
Mitten im Raum steht also dieser Tisch mit Essen, am Rand des Zimmers ein paar Sofas, auf denen einige Chinesen sitzen und ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen: Ausländer anstarren. Trotzdem setzen wir uns mutig an den Tisch, essen und versuchen nicht auf das Publikum zu achten. Manche der Leute reden auch ein bisschen mit uns. Doch halt, beim Reden bleibt es noch lange nicht, unsere Ayi (阿姨 Gastgeberin) fragt mich ob es schmeckt, dabei schaut sie mich an, kommt immer näher bis auf etwa zwei Zentimeter Abstand zwischen unseren Gesichtern, glotzt eine Weile und freut sich dann darüber dass ich sprechen kann! Wir also, umringt von Augen, essen weiter und langsam legt sich das Interesse, sodass nur noch die Ayi und der zugehörige Mann durcheinanderreden, mal zu uns, mal untereinander über uns. Jetzt aber mal von vorne, wir gingen Freitag nach dem Unterricht los, nach endlosen Überlegungen was wir denn nun zum Anziehen brauchen (nach dem halben Kältetod nachts im Mongolenzelt). Schließlich ist der Rucksack voll, Essen auch, denn wir wissen nur dass wir für 5 Kuai in irgendeinem Bauernhaus übernachten können. Wir treffen Qiao. Kleiner Rucksack, und als wir im Zug fragen ob sie nicht Angst vor der Kälte hat, meint sie, sie hat doch noch extra-Kleidung dabei, und zieht einen ärmellosen dünnen Strickpulli aus der Tasche. Das ist also das duo-chuan-yifu (多穿衣服 zieht mehr Klamotten an), das mir schon jeder meiner chinesischen Bekannten mindestens 20mal geraten hat. Nach knapp 4 Stunden im superlangsamen Zug kamen wir an dem Minibahnhof in Gubeikou an, es war dunkel. Wir wurden abgeholt von unserer Ayi. Bewaffnet mit Taschenlampe ging es dann eine Ewigkeit lang immer treppab, dann durch das kleine Dorf mit Backsteinhäusern und Trampelpfaden dazwischen. Rechts und links konnte man Gemüsegärten sehen, schön angelegt und gepflegt. Hier auf dem Land kann man auch viele Sterne sehen, was für uns Beijing-gewohnte Stadtmenschen auch schon wieder zu einer kleinen Freude wird :-)
Nach dem Essen bekamen wir ein Zimmer in einem kleinen Haus um die Ecke, vor dem Schlafengehen gab es dann noch Katzenwäsche: ein Bottich mit kaltem Wasser, dazu heißes Wasser aus der großen Thermoskanne. Es war richtig gemütlich, im Zimmer normale Temperatur und nicht so Eiseskälte wie wir befürchtet hatten! Nachts noch ein paar Gruselgeschichten zum Einschlafen ;-) nee, war gar nicht so gruselig, eigentlich haben wir nur überlegt dass wir offiziell gar nicht hier sein dürften, da Ausländer ins Hotel gehören. Aber Polizei hatten wir bis jetzt noch keine gesehen und es kam auch keiner, der uns aus unseren gemütlichen Betten rausschmeißen wollte. Gemütlich, ja das war es, auch wenn Lauren sich so gerne über das Kissen beschwerte. Kissen sind hier immer gefüllt mit Körnern, vllt Reiskörnern. Am Morgen, nach erneuter Katzenwäsche aus dem Bottich, gab es recht leckeres Frühstück und los ging es zur Mauer. Eine 20minütige Fahrt brachte uns dorthin, Tickets kaufen wie immer und überall, dann laufen. Auf den ersten paar hundert Metern stießen hier und da immer wieder ein paar Chinesen auf uns und wollten uns begleiten, stellten sich aber dann als Verkäufer von Büchern, Postkarten und T-Shirts heraus. Nee, wir wollen doch nur die Mauer sehen! Eine der Verkäuferinnen ruft Lauren noch unmissverständlich hinterher, da komme sie doch nie hoch, sie sei viel zu fett „ni tai pang le!“ (你太胖了) Danke fürs Kompliment, da nehmen die Chinesen kein Blatt vor den Mund. Große Mauer also, wir liefen etwa 10km auf der Mauer entlang, von Jinshanling (金山岭) nach Simatai (司马台). Am Anfang war noch
alles restauriert, doch mit der Zeit immer weniger. An einigen Stellen führten Wege außenrum, weil man sonst nur auf Geröll herumrutschen konnte. Endlich mal echte Mauerstücke, die mehr als 20 Jahre, mehr als 200 Jahre und manchmal vllt noch älter waren ;-) Das Mauerstück war wirklich mal wert, gesehen zu werden. Wenn nochmal auf die Mauer, dann auf dieses Stück! Auf dem ganzen Weg gab es außer uns nur ein kleines Grüppchen von 4 Touristen, die uns bei unserer Picknickpause überholt haben. Sonst kann man die Ruhe und Natur genießen, herrliche Fotos von Berglandschaft mit Mauer und blauem Himmel schießen. Oh, das Wetter in Beijings Umgebung, jeden Tag scheint die Sonne und mittags ist es immer warm genug für ein TShirt! 


An einigen Stellen der Mauer brauchte man beide Hände zum Klettern. Es ging über Stock und Stein, manchmal kamen einige Meter Erdwall unter den zerbrochenen Steinen hervor. Ein herrliches Abenteuer für einige Stunden, bis wir dann in Simatai ankamen und plötzlich ein paar Hundert Touristen die Mauern bevölkerten. Lauter solche gut ausgerüstete Westler, mit Wanderstiefeln, kurzen Multifunktionshosen, Wanderrucksack und Wanderstock. Auch viele fette alte Säcke mit dicken weißen Bäuchen. Peinlich sowas. Dass es die hier auch gibt! Die chinesischen Touristen sind immer ganz normal angezogen, plus kleiner Tasche oder Plastiktüte für eine Flasche Wasser oder etwas Obst. So wie wir! Mitten auf dem Weg stießen wir auf drei Chinesen mit einem Schild "Ticket Office". Hier war Wegzoll zu zahlen, für sowas sind die hier immer zu haben!

Zurück zum Dorf. Leckeres Essen aufgetischt, vier Gerichte und dazu Reis, Mantou (馒头) und Süßkartoffeln. Hier hab ich zum erstenmal Süßkartoffeln probiert, schmeckt eigentlich nicht schlecht. Die Süßkartoffeln sind groß, mit roter Schale und schmecken wie eine Mischung aus Kartoffeln und Kastanien. Ich habe auch einen Blick in die Küche geworfen. Dort gab es haufenweise frisches kleingeschnittenes Gemüse und Fleisch, das alles einfach mit viel Öl in den Wok geworfen und gebraten wurde. Die Xihulu(西葫芦), eine Art Gurkenmelone, hat mir am besten geschmeckt. Bevor der Zug wieder abfuhr, hatten wir noch eine Stunde Zeit, um uns das Dorf mal ein bisschen genauer anzugucken. 
Hier saßen zwei Alte, die uns kaum verstanden haben, wegen ihrem schlechten Gehör, nicht unserem Chinesisch, Qiao haben sie nämlich auch nicht richtig gehört. Einer der alten fragte sie, ob sie denn eine ausländische Sprache spricht, verstand dauernd Nein, der andere hat die richtige Antwort aber mitgekriegt und dem anderen dann zugerufen, Mensch, sie sagt sie spricht ausländische Sprachen! Hat einige Zeit gedauert bis die sich dann verständigen konnten. War interessant mit anzusehen. Die Frauen die wir getroffen haben waren etwas schneller von Begriff. Nett und lächeln, bloß kein Foto schießen und alles ist in bester Ordnung. Ein Kind war ganz begeistert uns anzugucken, ist grinsend um uns herumgesprungen und ihm schien es gutzugehen. Nicht wie das von allen Seiten verwöhnte Kind das wir in unserer Bleibe gesehen haben, das dort mit Großeltern zum Urlaub da war. Da fragt man sich doch, wer hat es hier besser? Wohl eher auf dem Land leben und spielen als in der Stadt von den Großeltern verzogen zu werden, die auf das einzige Enkelkind aufpassen. 
Das Dorf schien schon ziemlich arm zu sein. Nur in unserem Haus gab es Strom, Fernseher und in einem Teil fließend Wasser. (Nur zum Waschen, nicht etwa in der Toilette, da ist nur das Loch und ein kleiner Kehrbesen falls man das Loch verfehlt). Alle Dorfbewohner sind Bauern, laufen mit Gemüse und Mais vollbeladen umher, doch niemand sieht unglücklich aus. Wir haben mal in eine offene Tür in den Hof reingelugt und wurden gleich eingeladen mal einzutreten und zuzugucken, wie der Mann dort mit einer Kurbelmaschine den getrockneten Mais von dem Krutzen trennt, in aller Ruhe saß er da auf seinem Stuhl neben dem gedeihenden Gemüsegarten. Schließlich ging es wieder zurück zum Bahnhof. Gut dass wir darauf bestanden haben, eine halbe Stunde früher loszugehen, anstatt 5 Minuten früher wie die Ayi vorgeschlagen hatte. Der 5 Minuten lange Fußweg entpuppte sich als 15 Minuten langer Aufstieg auf einem Trampelpfad. Hier kommt doch wieder China hervor, mit "chinesischen Minuten" und "dengyihuir"!!
Nun bin ich wieder zurück in meinem komfortablen Wohnheim in Beijing, genieße die heiße Dusche.. Das einfache Dorf mit der Großen Mauer im Hintergrund bleibt aber unvergesslich als eines der besonderen Erlebnisse in China. 
17.10.04: Nach der Mauer
Es ist wieder morgen. Lauren und ich wachen auf mit Muskelkater. Etwa 4 Stunden haben wir gestern gebraucht, um auf der Mauer entlangzulaufen. Heute stehen nur noch ausruhen und Hausaufgaben auf dem Programm. Und langsam meldet sich auch wieder der Hunger zu Wort. Gestern gab bei den Bauern zum Frühstück Maissuppe, Reispampe, gesalzenes Gemüse, Mantou und gekochtes Ei. Die Maissuppe hat nur Qiao gegessen und sich gefragt, warum wir das nicht mögen. Immerhin hab ich probiert, schmeckt wie Nichts mit Mais und Wasser ;-)



