Fuwuyuans
Die Fuwuyuan(服务员) - Kultur
“Fuwuyuan”? Was ist das denn?
China würde nicht funktionieren ohne Fuwuyuans. Sie sind überall in Massen anzutreffen und können einem das Leben schwer oder leicht machen. Sie gehören einfach dazu. „Fuwuyuan“ könnte man ins Deutsche übersetzen als „Angestellter“ oder „Dienstpersonal“. Je nach Arbeitsplatz würde man im Deutschen die Bezeichnung variieren in „Zimmerkellner“, „Zimmermädchen“, „Hotelbedienstete(r)“ (Hotel), „Kellner“, „Serviererin“, „Bedienung“ (Restaurant), „Steward(ess)“ (Flugzeug, Schiff). (s. „Das Neue Chinesisch-Deutsche Wörterbuch, Beijing 2001) All diese Bezeichnungen jedoch vermitteln noch kein richtiges Bild der chinesischen Fuwuyuan. Sie sind einfach überall und niemals allein.

In jedem großen und kleinen Geschäft stehen sie alle fünf Meter im Weg herum, beantworten Fragen der Kunden und beraten über dieses und jenes Produkt. Kommt man beispielsweise in einen Elektromarkt und sucht ein bestimmtes Kabel, wendet man sich einfach an die nächststehende Fuwuyuan. Diese weiß dann im Normalfall nicht Bescheid, und ehe man sich versieht, stehen weitere 10 Fuwuyuans um einen herum und diskutieren heftig, welches Kabel denn nun gemeint ist und wo es liegen könnte. Nach dem Motto, wenn viele Fuwuyuans sich damit befassen, wird es ja wohl eine wissen. Grundsätzlich verdienen Fuwuyuans nicht viel. Dafür stehen sie sich oft in den Geschäften gegenseitig auf den Füßen. Der Grund dafür liegt nicht nur in der billigen Arbeitskraft in China, sondern auch darin, dass bei vielen niemand wirklich die Verantwortung übernehmen muss. Das denken die sich so. Ich jedenfalls stehe immer noch hilftlos ohne mein Kabel inmitten der 10 Fuwuyuans, ohne dass mir jemand eine große Hilfe ist. Die personalkräftige Beratung ist gerade mal für die Katz’ und ich muss mich selber zu der richtigen Abteilung durchschlagen, wo ich schließlich auf den richtigen wissenden Fuwuyuan stoße und mein Kabel bekomme. Wie es so schön bürokratisch zugeht in China, füllt er mir nun einen Bon mit Dreifach-Durchschlag aus, von dem der blaue beim Bezahlen an Stelle A einbehalten wird, während mir der zuständige Fuwuyuan meine Ware in eine Plastiktüte verpackt, nur um später diese gegen den weißen Bon einzutauschen. Den rosanen darf ich behalten und den grünen muss ich beim Rausgehen an der Tür beim Tür-Fuwuyuan abgeben. Übrigens, Fuwuyuans sind meistens weiblich. Es gibt nun aber auch immer mehr männliche. Die Bezeichnung für beide bleibt einfach Fuwuyuan. Das macht die Sache einfach. Bin ich nämlich in einem Hotelzimmer und brauche irgendwas, strecke ich einfach den Kopf zur Tür heraus und kreische ein paarmal laut „Fuwuyuan!!“ oder mit Beijing-Dialekt gar „Fuwuyuawwrrr!!“ Normalerweise kommt bei ausreichender Lautstärke auch bald eine muffelige Fuwuyuan angeschlappt und steht mir zu Diensten. Genauso funktioniert es im Restuarant. Einmal laut nach der Fuwuyuan rufen und man wird beachtet. Im Süden Chinas ist sollte man die Bedienung eher „xiaojie“ nennen und auch nicht so brüllen. Im Norden dagegen ist das ganz normal so.

Im Gegensatz zu der allseites bequemen Bedienung durch Fuwuyuans gibt es auch solche, die nur dazu da sind, einem das Leben schwer zu machen. So zum Beispiel die Fuwuyuans an der Eingangshalle unserer Studentenwohnheime. Im Nachhinein muss ich drei der etwa zehn Fuwuyuans meines Wohnheims (mit ca. 100 Studenten) für Aufmerksamkeit und Mitdenken loben. Die restlichen sieben haben z.T. Angst und fühlen sich häufig persönlich angegriffen oder befolgen einfach stur die Regeln, ob diese nun sinnvoll sind oder nicht. Dazu muss gesagt werden, dass die Studentenwohnheime in China anders funktionieren als in Deutschland. Man soll darin behütet und beschützt werden. So kommt es, dass jeder beim Hineingehen zuerst an ein oder zwei Fuwuyuans vorbei muss. Die beäugen jeden Fremden scharf, und als Fremder zählt jeder, der momentan nicht im Wohnheim wohnt. Will man doch mal jemanden mit aufs Zimmer nehmen, muss der als Pfand seinen Ausweis am der Rezeption hinterlassen. Und bloß nicht morgens vor 12 oder abends nach 10 Uhr kommen, da sind keine Besuchszeiten. In der Patsche sitzt man erst recht, wenn man seinen Ausweis mal vergessen hat. Obwohl die Fuwuyuans einen nach hundertmal Ausweis abgeben nun eigentlich kennen sollten, wird man von 60% der Fuwuyuans nicht eingelassen. Selbst Mingshan, die selbst zuvor ein halbes Jahr in diesem Wohheim gewohnt hatte, wurde nicht getraut. Da kann es draußen schütten, und wir nur ganz kurz in mein Zimmer wollen. Die Regeln müssen befolgt werden. Kein Ausweis zur Hand, kein Einlass. Richtig kompliziert wird es aber erst, wenn man chinesische Besucher hat. Die müssen erstmal zweifach ein Formular ausfüllen, mit Name, Geburtsdatum, Volkszugehörigkeit, Besuchsgrund und genaues Datum. Den einen Zettel nimmt der Chinese dann mit aufs Zimmer. Der muss dann von mir unterschrieben werden, damit er damit seinen hinterlegten Ausweis wieder zurücktauschen kann. Da denke ich mir doch: „Für Chinesen und Hunde verboten.“

Zurück aber zur Wohnheimssituation. Dort wird grundsätzlich abends zwischen 10 und 11 Uhr die Eingangstür verriegelt und mit dicken Eisenketten versehen. Damit uns nachts niemand holen kommt. Und auch niemand einbricht. Sollte man als Student selber mal etwas später heimkommen, oder gar morgens vor sechs hinauswollen, heißt es, die diensthabende Fuwuyuan aus dem Schlaf zu klopfen und klingeln. Sie schläft im Zimmer neben der Eingangshalle. Sowieso schlafen alle Fuwuyuans im Wohnheim. Noch schwieriger wird es, wenn man abends nach Torschluss nochmal hinauswill. Dann ist Verhandlungsgeschick gefragt. Wo man denn so spät noch hinwill. Auch wenn es nur das Wohnheim nebenan ist. Wie nachts im Brandfall die Fluchtwege gesichert werden sollen, ist mir unklar. Im ersten Stock und im Erdgeschoss sind die Fenster vergittert. Aus dem zweiten Stock möchte ich auch nicht unbedingt springen. Als Antwort wurden jetzt Rauchmelder in jedem Zimmer installiert. Aha. Zu der Installation der Rauchmelder muss Weiteres über das Verhalten der Fuwuyuans gesagt werden. Da wollen sie mal guten Willen zeigen und schreiben einen Zettel fürs schwarze Brett, dass in nächster Zeit Rauchmelder „im Wohnheim“ angebracht werden. Nagut, sollen sie mal, denkt man sich. Nicht ersichtig finde ich aber, das der Zettel Folgendes bedeutet: - Unangemeldet kommt eines Tages während meiner Abwesenheit ein Arbeiter in mein Zimmer, installiert seinen Rauchmelder und macht alles dreckig. Sagen hätten sie mir das ja schon können, damit ich wenigstens den Computer wegpacken kann bevor alles in eine Staubwolke eingehüllt wird. Als ich nichtsahnend heimkomme, finde ich plötzlich den ganzen Dreck und außerdem die auf 13 Grad laufende Klimanalage vor. - Dazu vergessen die Fuwuyuans, mein Zimmer abzuschließen. Glück gehabt, alles noch da. Doch einer schwedischen Kommilitonin ein paar Zimmer weiter ergeht es mit dem Zimmer wie mir, nur dass die Handtasche fort ist. - Da das Chinesisch meiner Kommilitonin noch nicht so gut ist, fungiere ich als Übersetzer und Vermittler im Gespräch mit den Fuwuyuans. Die Schwedin habe am Vortag das Zimmer verlassen und abgeschlossen, sei heute erst wiedergekommen und habe genauso nichtsahnend vor offener Tür und die fehlender Handtasche gestanden. Einfacher Sachverhalt. Die diensthabende Fuwuyuan fühlt sich sogleich persönlich als Dieb beschuldigt und bekommt eine schrille Stimme. Wir wollen doch nur wissen, wann die Melder überhaupt installiert wurden und was wir jetzt tun sollen. Ich versuche sie zu beruhigen, denn mir ist klar, dass es unsere Fuwuyuans nicht auf Handtaschen abgesehen haben. Ich verstehe wirklich nicht, warum man da so hysterisch werden muss. Sie hatte tierische Angst. - Weiterhin bedeutet der Zettel: Wir haben euch doch informiert. Daher tragen wir Fuwuyuans keine Verantwortung mehr. Die nächste Lachnummer kommt ganz am Ende, bei meinem Auszug. Als ob die gute Erinnerung an das Wohnen im Wohnheim noch einen schwarzen Fleck bräuchte.

Ich muss morgens um 5 Uhr auschecken, weil unser Flieger um 8 Uhr geht. In den letzten Tagen hatte ich jeder Fuwuyuan mehrmals genaues Datum und Uhrzeit meiner Abreise gesagt. Nur eben nicht direkt am Tag davor. Da ist die Fuwuyuan morgens schon mal mufflig. Vielleicht gerade deswegen entschließt sie sich, mir die Kaution von 400 Kuai trotz meines Belegs zu verweigern. Der angebliche Grund: es fehlt ein Set Bettwäsche. Denn das eine der beiden Sets hatte ich schon eine Woche zuvor abgegeben, was die entsprechende Fuwuyuan normalerweise sofort in einem Buch vermerkt. Das hat sie aber wohl vergessen, und da es nicht im Buch steht, will mir das die mufflige Fuwuyuan jetzt auch nicht glauben. Soll ich das vielleicht gefressen haben oder was? Ergebnis: keine Kaution für mich. Ich muss nun auch los. Schätze mal, dass ich in zwei Wochen nach meinem Urlaub das Kautionsgeld einfach von einer anderen Fuwuyuan einfordere, was sich dann auch als kein Problem erweist. Aber Hauptsache am Ende meines immerhin einjährigen Aufenthalts, mit immer freundlicher Hilfe für die Fuwuyuans bei Übersetzungsschwierigkeiten, nochmal Stunk gemacht. Doch auf den Gedanken, sich um das Befinden der Mieter zu kümmern, wird diese Fuwuyuan wohl nie kommen. Chinas Fuwuyuan-Kultur, die muss man einfach selber erlebt haben, um es zu glauben.